Sunday, October 2nd, 2022

Deponien für nicht strahlenden AKW-Müll dringend gesucht

Reaktorsaal von Block 3 im stillgelegten Kernkraftwerk Lubmin

Reaktorsaal von Block 3 im stillgelegten Kernkraftwerk Lubmin


Foto: Stefan Sauer / dpa

Die Kernkraft wird Deutschland noch lange nach dem Atomausstieg weiter beschäftigen. Nicht nur die Endlagerung, auch der Rückbau gestaltet sich vielerorts äußerst aufwendig. Vertreter der Kernenergiebranche weisen deshalb auf die notwendige Entsorgung auch nicht radioaktiven Abfalls hin.

»Ohne Deponien und Müllverbrennungsanlagen funktioniert kein Rückbau«, teilte der Energiekonzern RWE mit. Vom Verband Kerntechnik Deutschland hieß es: Kreise und gegebenenfalls Länder müssten für ausreichend Deponieraum für Bauschutt sorgen.

Nach Aussage eines Sprechers des Verbands gebe es Fälle, in denen Deponien Bauschutt unter Verweis auf Sicherheitsbedenken abgelehnt hätten, obwohl dieser Schutt nach entsprechenden Messungen als unbedenklich eingestuft wurde.

DDR-Kraftwerk wird bereits seit 1995 zurückgebaut

Sogenannte freigemessene Abfälle machten den weitaus größten Anteil des Materials aus, der beim Rückbau anfalle. Er vermute hinter solchen Vorbehalten auch die Absicht, Deponiekapazität zu schonen. In einem Fall hätte Schutt über weite Strecken in ein anderes Bundesland gefahren werden müssen.

Von RWE hieß es: »Wenn der Abbauprozess nicht ins Stocken kommen soll, braucht es gesicherte Entsorgungspfade für alles, was nicht recycelt werden kann.« Aktuell läuft etwa in Baden-Württemberg eine Auseinandersetzung zwischen Land und einem Landkreis über die Aufnahme freigemessenen Abfalls. In Lübeck gab es eine ähnliche Auseinandersetzung.

Wie aufwendig der Rückbau sein kann, zeigt sich im vorpommerschen Lubmin. Es ist nach Angaben der zuständigen Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH (EWN) der größte Rückbau eines Kernkraftwerkes in Europa. Von den acht geplanten Blöcken waren fünf in Betrieb, einer davon im Probetrieb. Das Kernkraftwerk war zwischen 1973 und 1990 am Netz und erbrachte einen Anteil von elf Prozent des Strombedarfs in der DDR.


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Wegen Sicherheitsbedenken wurde es nach dem Fall der Mauer abgeschaltet. Seit 1995 läuft der Rückbau. Aktuell geht man davon aus, dass der sich noch bis in die zweite Hälfte der 2030er Jahre zieht. Dann soll das Gebäude soweit entkernt und von Radioaktivität befreit sein, dass es nach entsprechenden Messungen freigegeben und konventionell abgerissen werden kann.

Die stark strahlenden Teile wurden in Lubmin bereits vor Jahren ausgebaut und in ein nahe gelegenes Zwischenlager gebracht. Der Rückbau des gigantischen Industriekomplexes bleibt trotzdem eine enorme Aufgabe. Nach Angaben der zuständigen Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH (EWN) müssen noch etwa 440.000 Quadratmeter Betonoberfläche untersucht werden. Die abzubauende Masse wird auf etwa 1,8 Millionen Tonnen geschätzt. Alles, was als normaler Schrott entsorgt werden soll, muss so zerlegt werden, dass es in Kisten von der Größe 1,20 mal 0,8 Meter passt, damit das Material in einer speziellen Anlage freigemessen werden kann.

Milliardenkosten für Rückbau

Hoch sind auch die Kosten. Die Schätzungen sind immer wieder gestiegen. Lagen sie 2014 noch bei 6,6 Milliarden Euro, geht man inzwischen von einem hohen einstelligen Milliardenbetrag aus, einschließlich des Rückbaus in Rheinsberg. In diesem Fall des alten DDR-Kraftwerks handelt es sich um Steuergeld, das EWN gehört dem Bund. Im Gegensatz dazu müssen die Energiekonzerne in den alten Bundesländern für den Rückbau selbst aufkommen. Hier werden die Kosten pro Block auf etwa eine Milliarde Euro beziffert. Diese Kosten seien in die Strompreise miteingeflossen, schreibt der Verband Kerntechnik Deutschland.


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Anders sieht es bei der Entsorgung des radioaktiven Abfalls aus. Die Atomkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall hatten 2017 insgesamt rund 24 Milliarden Euro an einen Staatsfonds überwiesen. Damit sind sie raus – so war es vereinbart worden. Anlageexperten sollten das Geld langfristig deutlich vermehren, um die Kosten für Zwischen- und Endlagerung zu finanzieren.

Die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Abfall dauert weiter an. Auch das geplante Endlager für schwach- und mittelaktiven Abfall – der Schacht Konrad im niedersächsischen Salzgitter – ist noch nicht fertig.


apr/dpa

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